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Triage in der Medizin II

Triage in der Klinik

Den Anfang machte 1963 die Yale University in ihrem Hospital in New Haven, als sie dort Triage durch Ärzte einführte, ein Jahr später zog die Screening Clinic des Outpatient Departments des New York Hospital-Cornell Medical Center nach. Hier wurde allerdings die Aufgabe den Pflegekräften übertragen. Beide Einführungen waren erfolgreich, interessanterweise gibt es in der Fachliteratur zur pflegerischen Triage bereits zum damaligen Zeitpunkt eine Bestätigung der Eignung und der Qualität der Pflege für diese Aufgabe durch einen Arzt aus der Notfallversorgung. Aufgrund der positiven Erfahrungen fand der Gedanke der Triage im Laufe der 60er Jahre schrittweise Verbreitung in den Notaufnahmen der USA. Dabei ist festzuhalten, dass es zum damaligen Zeitpunkt kein standardisiertes System gab, jedes Haus, jede Notaufnahme schufen für sich eine Ausprägung des Grundgedankens der Einstufung in (meist) drei Stufen. Dieser (aus heutiger Sicht) Mangel ist aber nicht entscheidend, wichtig war, das erstmalig nicht mehr unstrukturiert – meist nach dem FiFo-Prinzip (First in, first out – wer zuerst kommt mahlt zuerst) – sondern nach vereinbarten Kriterien der Behandlungsbeginn festgelegt wurde.
Die nächste “Duftmarke” erreicht uns dann aus Australien, wo im Bundesstaat Victoria am Box Hill Hospital (in der Stadt Box Hill gelegen) Pink und Brentnall die fünfstufige Box Hill Triage Scale entwickelten. Hiermit wurden für das gleichnamige Hospital neben den Dringlichkeitsstufen und deren Bezeichnungen erstmals auch aus medizinischer Sicht mögliche Wartezeiten beschrieben. Durchaus erfolgreich sollte dieses System für die nächsten 20 Jahre Bestand haben.
Erst Mitte der Achtziger Jahre wird dann aus anderen Ländern als den USA über den klinischen Einsatz der Triage berichtet: 1984 weist das Royal College of Nursing (RCN) für Großbritannien drei Notaufnahmen mit Triage aus und 1985 setzt das erste irische Krankenhaus Triage ein.

Gesetzliche Auflagen

In den USA spitzte sich Ende der 70er Jahre die Lage weiter zu, die Arbeitslosigkeit stieg. Bei sinkenden Löhne und steigenden Versicherungsbeiträgen wurde eine Krankenversicherung für Teile der Bevölkerung zum unbezahlbaren Luxus, die Erfahrungen aus den 50er Jahren wiederholten sich in erneut dramatisierter Weise: Fehlende Krankenversicherung führt zur Vermeidung von Arztbesuchen, dadurch verschlimmern sich die unbehandelten Krankheitsbilder und die Erkrankungsschwere in den Krankenhäusern nimmt zu. Privatkliniken und manche kirchliche (!) Versorgungseinrichtungen waren nicht dazu bereit und in der Lage, die Forderungsausfälle hinzunehmen und lehnten die Behandlung nicht versicherter Kranker und die Betreuung unversicherter Schwangerer kategorisch ab. Die Belastungen blieben bei den großen kommunalen und einigen kirchlichen Häusern hängen, das Overcrowding dort und die einhergehenden Behandlungsverzögerungen führten in der Folge zu zahlreichen Schadensfällen. Nach einigen besonders gravierenden Fällen, u.a. wurde eine Schwangere in Wehen abgewiesen (mit gravierenden Folgen für das Ungeborene und die Mutter), erließ die amerikanische Regierung zu Beginn der 80er Jahre den "Emergency Treatment and Active Labor Act" (EMTALA) (übersetzbar als: “Gesetz zur Behandlung von Notfällen und Schwangeren unter Wehen”). Hierin sind die Rechte des Patienten auf eine Behandlung zur Abwehr lebensbedrohlicher Situationen festgelegt – nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Dies bedeutet z.B., dass jedes Krankenhaus, welches an den MediCare- und MedicAid-Programmen teilnehmen will, verpflichtet ist, Maßnahmen zur Identifizierung einer Lebensgefahr zu implementieren (Triage!). Das auch diese gesetzlichen (und strafbewehrten) Zwänge nicht vollständig greifen zeigte sich 2008 in drei Notaufnahmen der USA, als dort Patienten zu Tode kamen, deren Behandlungsdringlichkeit nicht beachtet wurde.
Die italienische Regierung macht den Einsatz der Triage 1992 zur Pflicht für alle Notaufnahmen, Portugal folgte Anfang des Jahrtausends und Brasilien zog 2008 nach.

Fortentwicklung zu validierten Systemen

Ende des 20. Jahrhunderts entwickeln sich aus den klinischen Triage-Erfahrungen nun die validierten fünfstufigen Standardsysteme. Die Vorarbeiten dazu leistet 1989 Fitzgerald, als er im Rahmen seiner Doktorarbeit aus der “Box Hill Scale” die “Ipswich Triage Scale“ entwickelt. 1993 entsteht aus seiner Vorarbeit dann die australischen "National Triage Scale" (NTS) – heute “Australasian Triage Scale“ (ATS). 1994/95 beginnt in Großbritannien die Entwicklung des “Manchester Triage System" (MTS) und die Kanadier starten (1995) mit der Adaption des ATS zur "Canadian Triage and Acuity Scale" (CTAS). Schlusslicht sind die US-Amerikaner mit der Entwicklung des "Emergency Severity Index" (ESI) ab dem Jahr 1999.



book | by Dr. Radut