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Triage in der Medizin I

Erste Verwendung in der Medizin

Hôpital de l'Hôtel-Dieu Paris. Quelle: www.medarus.orgMit der französischen Revolution sollten alle Bürger gleich sein, diesem Grundsatz hatte auch ihre medizinische Versorgung zu folgen. Und so wurden die Verhältnisse in den Hôtels (Kranken- und Siechenhäuser) verbessert und jedem sollte eine angemessene Versorgung zur Verfügung stehen. Schon damals aber gab es Probleme, dieses allgemeine Gesundheitswesen zu finanzieren und so wurde dann etwa 1802 für das Hôtel Dieu eine neue Versorgungsstruktur eingerichtet, eine Triage. Hier waren zwei Ärzte und zwei Chirurgen (die damals als nicht gleichrangig galten) für die Entscheidung zuständig, ob ein Patient der Aufnahme im Hôtel Dieu bedurfte oder ob er ambulant versorgt werden konnte. Ziel war die Vermeidung von Fehlbelegungen, die Aufnahmequote dieser Institution lag bei etwa 65%.

Ein anderes Problem führte zu derselben Zeit in der französischen Militärmedizin zu ähnlichen Gedanken: Anne-Louis Girodet de Roussy-Trioson (1767–1824): Le baron Jean-Dominique Larrey (1804), Musée du Louvre, Paris. Quelle:www.wikipedia.de Der französische Chirurg Baron Dominique Jean Larrey erkannte, dass die bisherige Versorgung nach Ende der Schlacht zu hohen Todeszahlen unter den Verwundeten führte. Er änderte die Verfahren und begab sich noch während der Kämpfe zur Versorgung der Verwundeten auf das Schlachtfeld. Dabei half er jedermann - ungeachtet der Nationalität und sozialen Stellung. Er erkannte (datiert etwa 1797), dass "those who are dangerous wounded should receive the first attention [...] they who are injured in a less degree may wait" und beschreibt damit die theoretischen Grundlagen der Triage, wie wir sie aus der Militär- und Katastrophenmedizin kennen.

Larrey's "Fliegende Ambulanzen" - die ersten Katastrophenschutz-Krankenwagen der Geschichte. Quelle: www.medarus.orgBekannter wurde Larrey dann allerdings wegen seiner „fliegenden Ambulanzen“ oder "Ambulance volante", wegen der er bis heute als „Vater der Notärzte“ bezeichnet wird: Ein Pferdewagen mit Tragevorrichtung, mit einer Besatzung aus Arzt, Zahlmeister, Trommler und Soldaten brachte Sanitätsmaterial ins Feld und diente mit einer Tragevorrichtung zum Transport von Verletzten. Für den Ägyptenfeldzug entwickelte Larrey eine Zwei-Tragen-Version zur Anbringung auf einem Kamelrücken. Mit seinem Grundsatz jedem Verwundeten zu helfen, unabhängig ob Freund oder Feind, Offizier oder Fußvolk, griff Larrey den Gedanken Henry Dunants weit vor.

Mehr als ein halbes Jahrhundert später war es dann der russische Militärchirurg Nikolai Iwanowitsch Pirogow (1810-1881), Ilja Jefimowitsch Repin (1844–1930): Portrait of the Surgeon Nikolai Ivanovich Pirogov (1881), The State Russian Museum, St. Petersburg. Quelle:www.wikipedia.deder aufgrund seiner Erfahrungen im Kaukasischen Krieg (1834-1864) und dem Krimkrieg (1853-1856) etwa 1857 die Methode der abgestuften Behandlungsreihenfolge und das Prinzip der "Krankenzerstreuung" beschrieb. In diesen historischen Vorläufern des heutigen Tschetschenienkriegs bestand das Problem, dass einige Feldlazarette überlastet waren, weiter entfernte hielten Überkapazitäten vor, die Transportkapazitäten entsprachen nicht den akuten Erfordernissen und die Behandlungsmöglichkeiten reichten nicht für alle Verletzten aus. Daher beschrieb Pirogow präzise fünf Gruppen, in die Verletzte einzuteilen sind, und ihre Behandlungsreihenfolge, außerdem berücksichtigte er die zur Verfügung stehenden Transportmöglichkeiten und die Kapazitäten der Feldlazarette.

Pirogows Konzept wurde schnell auch von den gegnerischen Armeen übernommen, so dass es binnen kurzer Zeit Standard in der Militärmedizin des Abendlandes war und für geraume Zeit auch blieb. So behielten die deutschen Militärs das Prinzip der “Krankenzerstreuung” bis 1942 bei, erst dann wurde mit den "Richtlinien für die Versorgung Verwundeter in den vorderen Sanitätseinrichtungen" des Würzburger Chirurgen Prof. Wachsmuth der Kerngedanke des Transports und der Verteilung aufgegeben und stattdessen der Begriff und Prozess der "Sichtung" gesetzt. Die französische Militärmedizin war geringfügig schneller, hier definierten die Ärzte Ch. Spire und P. Lombard 1934 in ihrem Buch "Précis d'organisation et de fonctionnement du service de santé en temps de guerre. Principes de tactique sanitaire" das Prinzip "Triage – Transport – Traitement" (Triage – Transport – Behandlung). Damit war nicht nur das Prinzip, sondern auch der Begriff der Triage als Element der Behandlung eingeführt.



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