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Fallbeispiel Hämatome an Körperstamm und Extremitäten

Das folgende Fallbeispiel verdanken wir einer Notaufnahme, die wir vor einigen Jahren geschult haben. Aus Datenschutzgründen ist der Fall vollständig anonymisiert.

Der Fall:

Ein 71jähriger Patient stellt sich in der Notaufnahme vor. Bei ihm haben sich innerhalb der letzten 12 Stunden ausgeprägte Hämatome am Körperstamm (untere Körperhälfte) und im Genitalbereich gebildet. Diese ziehen mittlerweile bis in die Oberschenkel. Er gibt an, kein Trauma erlitten zu haben.

Der Patient ist mobil und orientiert. Sein Blutdruck ist 200/105, sein Puls 80/min, seine O2-Sättigung bei 99%.

Einschätzung:

Das Beschwerdebild des Patienten wirkt auf den ersten Blick etwas unspezifisch. Keines der vorhandenen Diagramme scheint zu passen, weder hat dieser Patient einen körperlichen Angriff noch einen Sturz erlitten. Ihm ist auch nicht unwohl.

Wir bekommen ihn aber sogar einfacher eingestuft als gedacht, bei ihm greift das unspezifische Diagramm "Generelle Indikatoren". Die Hämatome haben sich innerhalb der letzten 12h entwickelt, d.h. er hat hier eine "Unstillbare große Blutung" und ist in die Dringlichkeitsstufe ORANGE (2) einzustufen.

Denkbare (korrekte) Variationen der Eingruppierung wären bei einer zeitlich schnelleren Entwicklung der Hämatome eine Einstufung als "Lebensbedrohliche Blutung" in ROT (1), bei einer Entwicklung über einen längeren Zeitraum als "Unstillbare kleine Blutung" in GELB (3). Grundsätzlich ist die Blutung als "unstillbar" anzusehen, da wir (ohne operativen Eingriff) keine Möglichkeit der Blutstillung (wie sonst beispielsweise mit einem Druckverband) haben.

Ergebnis:

Bei der weiteren Diagnostik ergab sich bei dem Patienten ein Rektusscheidenhämatom, welches operativ ausgeräumt werden musste. Das Beschwerdebild ist insofern als nicht typisch anzusehen, weil bei diesen Patienten üblicherweise stärkste Schmerzen der Grund des Besuchs in der Notaufnahme sind. Diese lagen hier nicht vor. Die Diagnose ist in Anbetracht des Fassungsvermögens der Muskelscheide und den Folgeschäden am Muskel nicht unkritisch und kann sich lebensbedrohlich entwickeln. Mit der Einstufung in ORANGE kann dieser Patient rechtzeitig vor weiterem Schaden bewahrt werden.

Als Ursachen kommen u.a. Minimaltraumen und/oder Therapien mit Gerinnungshemmern in Frage.



story | by Dr. Radut