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Aufbau des MTS

Symptom-orientiert

Entscheidend für die positive Entwicklung des Systems war die Entscheidung der Manchester Triage Group, auf den Einsatz von Diagnosen in jeder Form, auch als Marker- oder Verdachtsdiagnosen, gänzlich zu verzichten. Der Grund hierfür war die Erkenntnis, dass die Individualität des Patienten und seines Beschwerdebildes eine viel größere Bedeutung für Behandlungsdringlichkeit haben als die abschließende Diagnose. Diese Auffassung bestätigte sich, als sich im Laufe der Entwicklung zeigte, dass die Entlassungsdiagnosen noch nicht mal zur retrospektiven Auditierung eines Triageergebnisses geeignet sind.

Als Beispiel sei hier ein Patient mit der Entlassungsdiagnose S93.40 “Distorsion des oberen Sprunggelenks” angeführt: Er wird stärkste, mäßige oder geringe Schmerzen haben können. Seine Behandlungsdringlichkeit muss viel mehr dies widerspiegeln als die abschließende Diagnose.

Chart-basiert

Im Unterschied zu bestehenden Systemen ist das MTS ein chartbasiertes, also mit Diagrammen arbeitendes, System. Die Entscheidung für eine Dringlichkeitsstufe wird anhand von “Indikatoren” (im Original “discriminators”) gefällt. Insgesamt etwa 200 Indikatoren sind zur Strukturierung und besseren Benutzbarkeit in 50 “Präsentationsdiagrammen “ (“presentational flowcharts”) zusammengefasst. Diese Präsentationsdiagramme beschreiben Beschwerdekomplexe, so gibt es zum Beispiel Präsentationsdiagramme für

  • “Abdominelle Schmerzen bei Erwachsenen”
  • “Abdominelle Schmerzen bei Kindern”
  • “Augenprobleme”
  • “Kopfverletzung”
  • “Kopfschmerzen”
  • ...

Generell und spezielle Indikatoren

In den Präsentationsdiagrammen kommen zum einen generelle Indikatoren zu “Lebensgefahr”, “Schmerz”, “Blutverlust”, “Bewusstsein”, “Temperatur” und “Krankheitsdauer” zum Einsatz, diese gelten für alle Krankheitsbilder.
Zum anderen gibt es spezielle Indikatoren, die nur in zutreffenden Präsentationen (z.B. Patient kommt mit Kopfschmerzen) auftreten können und dort Hinweis auf mehr oder weniger ernsthafte Erkrankungen sein können.

Vorgehen

Die Diagramme sind so aufgebaut, dass mit der höchsten Dringlichkeitsstufe begonnen wird, mit abnehmender Dringlichkeit wird Indikator für Indikator abgefragt. Mit dem ersten zutreffenden Indikator ist die Einschätzung erfolgt, die Dringlichkeitsstufe bestimmt. Dadurch ist der Prozess der Dringlichkeitseinschätzung beim hochakuten Patient innerhalb kürzester Zeit abgeschlossen, während beim Patienten der niedrigsten Dringlichkeitsstufe alle diesem Beschwerdebild zugeordneten Indikatoren Schritt für Schritt ausgeschlossen werden müssen und so etwas mehr Zeit vergeht. Portugiesische Untersuchungen zeigen allerdings, dass die Ersteinschätzung auch in solchen Fällen in der Regel binnen 60 Sekunden durchgeführt werden kann.

Zeitwerte

Das MTS legt mit der Dringlichkeitsstufe fest, wie lange ein Patient maximal warten sollte, bis die ärztliche Behandlung beginnt. MTS kennt weder eine Vorgabe, innerhalb welches Zeitraums nach Eintreffen des Patienten die Triage durchzuführen ist, noch gibt es Kennzahlen zum Grad der Einhaltung der identifizierten Maximalwartezeit des Patienten oder eine Vorgabe zur Länge des Einschätzungsprozesse.
Für die deutschen Anwender werden diese Werte im Deutschen Netzwerk Ersteinschätzung definiert und als Standard für die fachlich korrekte Anwendung des Systems in Deutschland festgelegt. Folgende Werte sind bereits festgesetzt:

Die Festlegung dieser Werte geschah vor dem Hintergrund vergleichbarer Dringlichkeiten in anderen Triage-Systemen. Für die Anwendung in Deutschland wurden hier (vor dem Hintergrund, dass die britischen werte gesundheitspolitische Vorgaben in Großbritannien abbilden) die Erfahrungen aus Australien und Kanada berücksichtigt. Die österreichische Referenzgruppe hat für die Anwendung in Österreich diese Zeitwerte übernommen.



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